Von 0 bis 56 Prozent – eine ethanolische Trilogie

I. DANSK ØL

Wir hatten Glück, denn der Sommer 1976 ging als ein Jahrhundertsommer in die meteorologischen Geschichtsbücher ein und verhieß uns seinerzeit eine prächtige Urlaubszeit an Dänemarks Ostseeküste. Wir hatten zu sechst ein Ferienhaus gemietet und versorgten uns im nächstgelegenen Supermarkt mit den für den täglichen Bedarf benötigten Lebensmitteln und Getränken. 

Schon damals war der Alkohol in Dänemark teuer und wir hielten stets Ausschau nach eventuellen Sonderangeboten. Der dänischen Sprache nicht mächtig, wussten wir aber, dass ‚Bier‘ auf dänisch ‚Øl‘ heißt. Prompt stießen wir bereits in den ersten Tagen in der Getränkeabteilung auf ein verlockend klingendes Angebot. Zwar handelte es sich um eine uns unbekannte Marke, aber verglichen mit den anderen Biersorten offeriert zu einem ungewöhnlich günstigen Preis. Da hieß es, sofort zuzuschlagen! 

Nach einigen Tagen – der Vorrat war schnell aufgebraucht – fanden wir bei einer neuerlichen Einkaufstour unerwarteterweise den gleichen günstigen Preis immer noch vor. Hocherfreut über das vermeintliche Dauerschnäppchen stockten wir unsere Bestände großzügig wieder auf (es war, wie schon gesagt, ein heißer Jahrhundertsommer).

Des Abends, wenn wir gemütlich beisammen saßen und den Tag ausklingen ließen, wurde bei ein paar Bierchen über die Erlebnisse des vergangenen Tages gesprochen und meist zog man sich mit den Worten: „Jetzt noch ein Fläschchen als Schlummertrunk, dann habe ich die nötige Bettschwere!“ anschließend, dabei herzhaft gähnend, in die Kojen zurück.

Wir betrachteten es als eine uns wohlgesonnene Fügung des Schicksals, dass uns diese scheinbar unschlagbar preiswerte Einkaufsmöglichkeit während der gesamten vierwöchigen Urlaubsdauer erhalten blieb. So verging die Zeit mit Spaß, Entspannung und günstig-geistigen Getränken. Drei oder vier Tage, bevor wir die Rückreise antreten mussten, blätterte einer von uns gelangweilt im Reiseführer für Dänemark. Durch seine plötzlichen Schreie aufgescheucht, rannten wir anderen zu ihm. Noch nach Luft ringend, las er uns eine Textpassage aus dem Reiseführer vor: „Für Antialkoholiker gibt es in Dänemark das wesentlich billigere Hvidøl, ein alkoholfreies Leichtbier.“ – Nun ja, als Trost lässt sich vermerken, dass die Sache mit der Bettschwere jedenfalls keine Einbildung war! 

II. Gin-Maggi

Ohne es betonen zu wollen möchte ich doch behaupten dürfen, dass es die Partys (damals auch als Feten bezeichnet) in unserer Jugend oft in sich hatten, wie eine Geschichte aus dem Jahr 1977 erzählt: Mein Busenfreund feierte seinen Geburtstag und hatte schätzungsweise an die 40 Freunde geladen, die sich in seiner 3-Zimmer-Wohnung auf die Pelle rückten.  

Die Stimmung war ausgelassen, die Musik (good ol‘ Rock) angemessen laut, und von Nachbarn herbeigerufene Ordnungskräfte (vulgo: Bullen) wurden mit dem Versprechen, ab jetzt leiser zu sein, sanft aber energisch wieder hinaus komplimentiert. Getränke flossen in Strömen, wir vergnügten uns prächtig, spielten Flipper oder Avalange. Letzteres erwies sich als der Renner, hatte aber durchaus seine Tücken.

Zum Verlierer einer Spielrunde wurde derjenige erkoren, dessen Kugel auf ihrem Weg abwärts nicht aufgefangen wurde, sondern bis unten hin durchfiel. Der Preis für den Verlierer: er musste ein Schnapsglas voll Magenbitter trinken. Wir hatten hierfür eine Flasche der Marke „Hünerkopf“ vorgesehen – ein ‚Edler Halb-Bitter‘, der,  unbestätigten Gerüchten zufolge zum Portfolio einer Lackfabrik zählte, allerdings in einem völlig separaten Produktionsverfahren hergestellt wurde. (Das spielt hier aber keine Rolle.)

Nun wurde durch diese Strafmaßnahme das Spielvergnügen keineswegs getrübt. Ganz im Gegenteil! Die Flasche war bald geleert (es fielen viele Kugeln durch) und fieberhaft wurde Ersatz gesucht. Dabei kamen uns unsere guten Beziehungen zu den PX-Läden der US Army zupass, wir waren dadurch gut versorgt mit den preisgünstigen half gallon-Flaschen, in denen Jim-Beam-Whisky, Barcadi-Rum usw. verkauft wurde. Daher fand sich in dem für die Party angeschafften Getränkevorrat eine ebensolche Flasche Gin, mit der die Fortsetzung des Avalange-Spiels gesichert schien.

Soweit, so gut. Allerdings war der Gin so klar wie ein Glas Wasser und wies nicht die samtbraune Färbung des edlen Halbbitters auf. Wichtiger noch war aber, dass das Geschmackserlebnis, hervorgerufen durch das  neu zu komponierende Getränk, die ‚Schüttelichkeit‘ der Hünerkopf-Kräutermixtur um ein Mehrfaches übertreffen musste. (Mit ‚Schüttelichkeit‘ wird hier die Eigenschaft eines Getränks bezeichnet, die den Schüttelreflex nach dem Herunterkippen eines Schnapses auslöst. Ein Fernet Branca hat beispielsweise eine viel höhere Schüttelichkeit als ein Eierlikör.) Diese Ziele erreichten wir, indem wir den Gin mit einem kräftigen Schuss Maggi anreicherten. So erhielt unser neuer Verlierercocktail neben der richtigen Farbe einen unnachahmlich schütteligen Geschmack. Mit dem Avalange-Turnier konnte es jetzt weitergehen, Allerdings führte die Aktion dazu, dass der Andrang rasch spürbar nachließ. Auch ein kausaler Zusammenhang zwischen Gin-Maggi und der ausgeprägte Katerstimmung am folgenden Morgen war nicht von der Hand zu weisen.

Jedenfalls blieb diese Geschichte über die Jahrzehnte hinweg unvergessen und wurde im Freundeskreis immer wieder gerne zum besten gegeben. 

III. Hochspannung

Unsere Osterferien 1977 verbrachten wir mit einer Gruppe von Freunden im Dörfchen Lenau, das zur Gemeinde Kulmain gehört und am Rand des Fichtelgebirges in der bayrischen Oberpfalz liegt. Das wussten wir bald nach der Ankunft deshalb so genau, weil ich in einem Gespräch mit Einheimischen, welches in der Gaststube des örtlichen Wirtshauses stattfand, die Bemerkung äußerte, dass es im Fränkischen doch schöne Landstriche gäbe und damit sofort einen Tadel einfing. Denn der Hinweis, man befände sich hier nicht in Franken, sondern in der Oberpfalz, erfolgte prompt. (Einen ähnlichen Fauxpas, der ebenso mit Stirnrunzeln quittiert worden war, leistete ich mir einige Jahre zuvor in Wales, als ich bei unseren B&B-Gastgebern, die eingefleischte Waliser waren, die Ansicht kundtat, dass England doch ein schönes Land sei. Seit diesen Erfahrungen habe ich hart an der Verbesserung meiner geografischen Kenntnisse gearbeitet!)

Wie dem auch war, wir Städter wurden trotzdem gastfreundlich aufgenommen und fanden uns alsbald in gemeinsamen abendlicher Runden mit den Dörflern, von denen die meisten in der Landwirtschaft tätig waren, wieder, um in der Gaststube den einen oder anderen Schoppen zu genießen. Da die Gastwirtschaft nur Sonntags geöffnet war, hatte man für Stammgäste, zu denen wir in großzügiger Weise mitgerechnet wurden, an den werktäglichen Abenden ein Wohnzimmer als Gaststube hergerichtet. Ein der Wand stehendes Sofa verhieß Behaglichkeit, die meisten Gäste saßen auf einfachen Holzstühlen, gruppiert um einen langen Tisch, in froher Runde beisammen. Man servierte hauptsächlich Flaschenbier, aber auch die eine oder andere höherprozentige Spirituose. Darauf komme ich jetzt zu sprechen.  

Vorher darf nicht unerwähnt bleiben, dass die Ostertage in jenem Jahr knackig kalt waren. Diese ungemütliche Witterung drohte den Plan zu durchkreuzen, den mein Busenfreund und ich hegten: wir wollten die warmen Betten in den Schlafzimmern des Ferienhauses den anderen, vor allem den Mädels und Kindern überlassen und selbst die Nächte im mitgenommenen Zweimannzelt verschlafen, eingemummelt in Schlafsäcke. Mein (damals) kleiner Bruder bestand (anfänglich) darauf, hierbei mit von der Partie zu sein. 

Das Foto hat Beweiskraft für den Kälteeinbruch: Den Schneemann zieren blau(gefroren)e (Oster)Eier

Es war Karfreitagabend. Wir Stadtleute saßen gemütlich mit den Dörflern in der wirtlichen Wohnstube zusammen beim Dämmerschoppen. Die Gespräche drehten sich um Gott und die Welt, wie man so schön sagt, und unser Freund und Mitstudent Peter (von uns ob seiner „revolutionären“ Ansichten ‚Stadtguerilla‘ genannt) versuchte, den Bauern klar zu machen, dass er von der täglichen Mühsal des Arbeitsleben etwas verstehe, denn schließlich habe er ja in den Semesterferien 4 Wochen bei Opel am Fließband gestanden! 

Die in der Runde versammelte Landwirtschaft ließ sich von solcher Rede jedoch keineswegs beeindrucken, sondern ging im weiteren Verlauf wie beiläufig dazu über, die Trinkfestigkeit der Stadtgesellschaft mal auf die Probe zu stellen. Zu diesem Behufe wurden jetzt etwas schärfere Sachen kredenzt, vor allem kleine Gläschen mit einer hellgelb schimmernden Flüssigkeit namens „Hochspannung“, seines Zeichens ein 56 %iger ‚Herrenlikör‘ (so die Bezeichnung auf dem Etikett), der, da süß schmeckend, sich auch für die in der Runde anwesenden Damen eignete.

So vergingen die Stunden wie im Fluge, der Abend konnte bereits als ‚feuchtfröhlich‘ bezeichnet werden. Als der allgemeine Aufbruch herannahte, waren wir noch in ein ein Gespräch mit unserem Tischnachbarn Andreas (den wir wegen seiner Kopfbedeckung den Zipfelmützenbauer nannten) verwickelt, in dem es um die Frage ging, ob man am Karfreitag Fleisch essen dürfe, ohne dafür (von wem auch immer) bestraft zu werden. Der Sinn der Fragestellung ergibt sich dann, wenn man berücksichtigt, dass wir uns ja im katholisch geprägten ländlichen Bayern befanden.

Zur Beantwortung der Frage galt es jetzt, die Probe auf’s Exempel zu machen. Es war noch etwas Zeit bis Mitternacht, so dass mein Busenfreund und ich vom Zipfelmützenbauer eingeladen wurden, mit in sein Haus zu kommen, das ohnehin auf unserem Heimweg lag. Nicht mehr ganz trittfest machten wir uns auf den Weg. Der Rest der Truppe beeilte sich, unser Feriendomizil zu erreichen, wir drei begaben uns zu Andreas‘ Haus, wo wir von seiner Frau Babette schon erwartet wurden. Flugs servierte sie uns Bier und zwei Brote mit feinem Tartar, ihr Mann bekam einen geräucherten Hering aufgetischt. Jetzt wurde neugierig beäugt, was wir wohl tun würden! Mein Freund nahm einen Schluck Bier, biss einmal ins Tartarbrot und verabschiedete sich plötzlich und in Windeseile. Ich aß mein Brot auf, ohne mit der Wimper zu zucken, und wünschte zum Abschied eine angenehme Nacht. Und siehe: Kein Blitz fuhr hernieder, kein Donner hallte durch die kalte Nacht!

Zu Hause angekommen, stellte ich fest, dass das Zelt leer war. Überrascht war ich nicht, denn es hatte wieder angefangen zu schneien. Ich verkrümelte mich also auch ins warme Haus, hatte aber Mühe, ein Plätzchen im Bett für meine müden Glieder zu finden, denn jede Liegestatt war schon in Beschlag genommen!   

Am nächsten Tag wurde, nach dem ein herzhaftes Frühstück mit viel Kaffee und Aspirin uns wieder halbwegs auf die Beine brachte, ein Ausflug ins nicht weit entfernte Bayreuth unternommen. Dort machten wir, den Kindern zum Spaße, Halt auf einem Rummelplatz. Auf die Achterbahn traute sich niemand. Für mich kam nach einigem Zögern nur das Kettenkarussell in Frage (oder war es die Berg- und Talbahn?). Allerdings wurde mir bei der Fahrt sehr blümerant, nicht nur das Karussell schien sich zu drehen. Heilfroh war ich, unbeschadet, aber mit blassem Teint, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Vielleicht gab es doch eine Strafe für’s Fleischessen am Karfreitag? Unter Hochspannung? 

error: Content is protected !!