Van Goghs Vermächtnis
– Text und Fotos von Hilde und Manfred Gravelius –

Kapitel 1 – Die Klage

Es war ein regnerischer Sonntagnachmittag. Hilde drehte Däumchen, nach dem sie den ganzen Morgen fleißig gewesen war. Schläfrig ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen und dachte dabei an den vergangenen Sommer. Gerade als ihr die Augen zufallen wollten, blickte sie zufällig auf das Regal und entdeckte ein kleines schwarzes Album.

Sie durchstöberte es und las noch einmal die barbarische Geschichte von John‘s Erfahrung mit dem Absinth. Beim Umblättern wurde sie immer hysterischer und war schließlich in Tränen aufgelöst, als sie auf ein Foto stieß, welches in blutigen Details zeigte, wie John sich das Ohr abgeschnitten hatte.

Sie war tief erschüttert.

Nach endlosen Minuten hatte sie sich beruhigt. Sie kämpfte sich auf die Füße und überlegte wie es möglich wäre, dem armen John ein neues Aussehen zu verschaffen – so dass er wenigstens wieder so aussehen könnte, wie ihn jeder vor diesem grausigen, in mörderischem Wahnsinn begangenen Unfall, kannte.

Als ihre Tränen langsam getrocknet waren, besprach sie mit Manfred, was getan werden könne, um John das linke Ohr zu ersetzen und so alles ungeschehen zu machen. Aber sie fanden keine Lösung. Daher entschieden sie, ein Friday Club Treffen einzuberufen mit dem Ziel, neue Ideen zu bekommen.

Kurz darauf versammelten sie sich. Sie kauten an dem Problem Stunde für Stunde, Flasche für Flasche, aber keiner von ihnen konnte auch nur ein Stückchen weiter helfen. Auch Herberts Hinweis „drinking beer and smoking shit is like pissing in the wind“ war keine wirkliche Hilfe.

Während sie immer depressiver wurden und begannen, die himmelschreiende Ungerechtigkeit zu beklagen, stand plötzlich eine kleine Fee vor ihnen. Obwohl sie, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, aus dem Nichts zu kommen schien, stellte es sich heraus, dass sie eine gute Fee war, denn sie richtete mit einer quiekenden, aber klaren Stimme folgende Worte an ihr Publikum:

„Wisst ihr Leute, euer Schmerz hat mich tief bewegt. Infolgedessen werde ich einen Zauber über euch sprechen. Ich gebe euch sechs Versuche ein Ohr zu erschaffen, das als Ersatz für John‘s dienen könnte, welches durch den Geist des Absinths verloren ging. Aber Achtung! Was ihr erschafft, muss real sein und John darf damit nicht schlechter aussehen als in seinen guten Zeiten. Ihr habt sechs Tage und keinen Tag länger um diese Aufgabe zu erfüllen. Vertraut auf eure Fähigkeiten. In sieben Tagen werde ich wieder erscheinen, genau um Mitternacht. Ich bezweifle, ob es noch Hilfe für den armen John geben wird, wenn ihr diese goldene Gelegenheit verpassen solltet.“

Nachdem sie diese mächtigen Worte gesprochen hatte, verschwand sie in der Luft, nicht ohne ein wenig schimmernden Sternenstaub zu verstreuen.

Die Leute des Friday Clubs, stumm und regungslos verharrend , fanden nur langsam zurück in die Wirklichkeit. Aber dann sprudelten die Ideen nur so aus ihnen hervor. Sie umarmten sich, allesamt sehr glücklich, und eilten heim, um frisch ans Werk zu gehen und keine Minute ihrer kostbaren Zeit zu verschwenden.

Kapitel 2 – Die Methode der Genetischen Entwicklung

Renate erinnerte sich an ihre berufliche Ausbildung. Sie entschloss sich, all ihr Wissen über genetische Technik zu benutzen, um ein Ohr herzustellen. Ohne zu zögern schlüpfte sie in ihre Arbeitskleidung und betrat ihr aseptisches Arbeitsumfeld. Ihr Plan war es, einen Fingerabdruck von John als Basismaterial für ihren Versuch zu benutzen. Das weitere Procedere war klar vorgegeben.

Als erstes wählte sie die richtigen genetischen Komponenten aus.

Sie trennte diese in ihre Bestandteile mit Hilfe von John‘s Lieblingsgetränk, welches ein bedeutender zusätzlicher Faktor war.

Nachdem sie das getan hatte, wählte sie das passende Substrat (welches wie eine Art weißes Pulver aussah, aber sie lüftete nicht das Geheimnis der Zusammensetzung).

Dann, als sie alle Katalysatoren für eine Beschleunigung des Prozesses hinzugefügt hatte, musste sie warten.

Bald darauf entwickelte sich die Zellkultur und eine riesige Menge biologischer Populationen begann zu wachsen…

…und zu wachsen…

… und zu wachsen, und recht bald konnte man im aktiven Zentrum der Kultur eine bestimmte Formation erkennen.

Nach sechs Stunden kam sie zurück in ihr Labor, um das Resultat ihrer Arbeit zu begutachten.

Aber war diese ohrförmige Struktur, die sie dort vorfand, ein gut passender Ersatz für Johns Ohr? Konnte sie diese rosa-grünliche Geschwulst als ein Ohr anbieten?

Nein das konnte man nicht sagen! Trotz der Mühe muss man klagen: „Wer schafft es jetzt noch in fünf Tagen?“

Kapitel 3 – Die O.H.R. Formel

Als Zweiter erwog Manfred, welche neue Technologie genutzt werden könne, um ein Ohr zu klonen. Er ging in sein Labor und prüfte seine Ausrüstung. „Ich muss eine neue Formel erfinden“, dachte er, „welche mich in die Lager versetzt, ein Ohr auf der Basis eine neuen Kunststoffes zu bauen.“

Er begann an seinem Einfall zu arbeiten, und bald war die O.H.R Formel gefunden und beschrieben.

Im nächsten Schritt mischte er verschiedene chemische und organische Substanzen. Es war ihm klar, dass er jeglichen Fehler vermeiden musste, da sonst das Resultat eine Nase oder ein Finger, aber kein Ohr sein würde.

Also destillierte er die Lösung mehrfach mit der Absicht, den Alkoholgehalt zu steigern.

Dann eliminierte er die giftigen Komponenten. Keine Entzündung sollte den Heilungsprozess aufs Spiel setzen.

Zum Schluss fügte er fünf Tropfen einer geheimen Zutat hinzu, die das Material geschmeidig machten.

Nachdem alle chemischen Reaktionen beendet waren, war er sehr gespannt darauf, seine Erfindung zu testen.

Aber waren diese ohrförmigen Strukturen, die er entdeckt hatte, ein gut passender Ersatz für Johns Ohr?

Sollte er darauf bestehen, dass dieses zerbrechliche, amorphe Gebilde als Ohr Verwendung finden sollte?

Nein das konnte man nicht sagen! Trotz der Mühe muss man klagen: „Wer schafft es jetzt noch in vier Tagen?“

Kapitel 4 – Annäherung durch Metall

„Also, wenn diese genetischen und chemischen Methoden zu nichts führen, ist es da nicht besser, ein solides und irgendwie schwergewichtiges Material für diese Herausforderung zu nehmen?“ wand Herbert ein. „Ich bin ein Experte für solche Verarbeitung und ich will ein annehmbares Ohr entwerfen, allerdings nicht ohne den essenziellen künstlerischen Aspekt zu beachten!“

Nach seiner Rede begab er sich schnurstracks in seine Werkstatt und suchte sich das Werkzeug aus, das er für seine Tätigkeit brauchen würde.

Er bohrte Aluminium, lötete Kupfer und schweißte Stahl.

Und er drehte Schrauben ein, feilte das Eisen, bog verchromte Messingplatten und schliff die Oberflächen den ganzen Tag lang.

Endlich, nach dem er alle notwendigen Justierungen exakt vorgenommen hatte – dies nahm auch noch mal einige Stunden in Anspruch –, gab er sich einer wohlverdienten Pause hin und sah anschließend nach seinem Objekt.

Aber war diese ohrförmige Struktur, die er mit so viel Enthusiasmus geschaffen hatte, ein gut passender Ersatz für Johns Ohr? Sollte er dieses Hi-Tech-Konstrukt wirklich als ein Ohr vorschlagen?

Nein das konnte man nicht sagen! Trotz der Mühe muss man klagen: „Wer schafft es jetzt noch in drei Tagen?“

Kapitel 5 – Fortschritte durch botanische Züchtung

Nun war Hilde an der Reihe. Sie sagte: “Alles Belebte kommt von Mutter Natur. Deshalb wird es wohl besser sein, sich der Sache mit lebender Materie zu nähern anstatt zu versuchen, tote Materie zum Leben zu erwecken. Lasst mich in meinem Garten sehen, was tun kann, indem ich ein Ohr aus meinen Samen züchte. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, denn ich habe reichhaltige Spielarten in meiner großen Sammlung!“

Bald schon behandelte sie die Staubgefäße der auserwählten Pflanzen mit einem feinen Pinsel. Weder verriet sie, welche Arten sie kreuzte, noch gab sie bekannt, welche Mixtur sie benutzte, um das Wachstum der Pflanze zu beschleunigen, da die Zeit kostbar war. Aber wir können davon ausgehen, dass ein wenig Pollen von der rosafarbenen Wunderblume dazu gab, die sie schon seit fast fünf Jahren züchtete.

Kurz, nachdem die gründlich behandelten Samen gepflanzt und auch sorgfältig gedüngt waren, begannen sie rapide zu wachsen. Eine erste kleine grüne Knospe brach durch die dunkle Erde.

Drei Stunden später erschien ein weißes Ohrläppchen mit einer grünen Spitze. Hilde war voll froher Erwartung. Würde dieses Experiment zu dem glücklichen Ende der Geschichte führen? Um ideale Bedingungen zu haben, trug sie die zarte Ohrenblume vorsichtig zu einem temperierten Platz.

Weitere zwei Stunden vergingen. Dann eilte sie zum Gewächshaus in der Hoffnung, ein natürlich gewachsenes Ohr vorzufinden, welches John‘s abhanden gekommenen ebenbürtig wäre.

Doch welch schlimme Überraschung! War dieses gräulich-grüne, schrumpelige Grünkohlohr, (kultiviert mit all ihrer Erfahrung, aber gleichzeitig ihre ganze Hoffnung zerstörend) ein Ersatz für Johns Ohr? Könnte sie ihm gerade in die Augen sehen, wenn sie dieses schlappe Blatt präsentieren würde?

Nein das konnte man nicht sagen! Trotz der Mühe muss man klagen: „Wer schafft es jetzt noch in zwei Tagen?“

Kapitel 6 – Experimente mit Backrezepten

Elke war in der Küche und bereitete das Samstagabendessen vor, als sie von den fehlgeschlagenen Versuchen hörte. Sie befürchtete, dass die Mission schief gehen würde.

Aber plötzlich dämmerte es ihr. “Hör mir mal zu“, sagte sie zu Günther. „Es ist meine feste Überzeugung, dass jedes menschliche Wesen nur existieren kann, wenn es mit einer gesunden und ausgewogenen Kost unterstützt wird. Also konzentrieren wir uns darauf, die physiologischen Spätfolgen einer Fehlernährung zu verhindern. Das Ohr muss erzeugt werden, indem man diesem Umstand Rechnung trägt!“

Basierend auf ihrem reichhaltigen Erfahrungsschatz an Backrezepten, studierte sie ihre Kochbücher. Bald darauf war auch das Rezept zur Lösung des Problems gefunden.

Sie durchsuchte ihre Schränke und die Kühltruhe. Schnell hatte sie alle Zutaten vorbereitet, die im Rezept genannt waren. Dabei war ihr das Durcheinander egal, welches in der Küche verursacht wurde.

Sie rührte und mixte die Zutaten in der korrekten Reihenfolge, dabei peinlich darauf achtend, die Mengen genau abzuwiegen, um die richtige Konsistenz zu erhalten.

Als der Teig gut durchgearbeitet war und noch eine halbe Stunde bei Raumtemperatur geruht hatte, schien es, als sei er fertig für den Ofen.

Elke begann die Masse zu backen, bevor sie klumpte. Sie vergaß auch nicht, einige Spezialkräuter hinzu zu fügen. (Gewöhnlich pflückte sie diese an einem geheimen Platz, wenn sie mit dem Fahrrad durch die Wälder fuhr.) (Und sie benutzte Kürbiskernöl zum Braten.)

Nachdem sie die Ohrenpastete von beiden Seiten jeweils fünf Minuten braun gebacken hatte, erhöhte sie die Unterhitze, um das Gebäck noch knuspriger zu machen.

Dann kam sie zurück und nahm den Ohrkuchen aus der Pfanne.

Aber war dieses Pfannenkuchenohr – mit so viel Liebe und Sorgfalt zubereitet – ein gut passender Ersatz für Johns Ohr? Würde es für ihn gesund sein, wenn ein knuspriger, goldbrauner Pfannkuchen an seiner linken Schläfe klebte?

Nein das konnte man nicht sagen! Trotz der Mühe muss man klagen: „Wer schafft es jetzt noch in den letzten Tagen?“

Kapitel 7 – Moderne Gummitechnologie

Im Hinblick auf alle erfolglosen Bemühungen, die in den letzten fünf Tagen gemacht worden waren, entschloss sich Günther, dass jetzt oder nie eine geeignete Methode gefunden werden musste. Er war von seinem Plan überzeugt, der die kombinierte Vorteile der vorherigen Versuche unter Vermeidung der aufgetretenen Probleme vereinigte.

„Jeder war an einer bestimmten Stelle auf dem richtigen Weg. Ich will darauf achten, dies bei meiner Lösung zu berücksichtigen“, grübelte er. “Wir brauchen etwas Charakteristisches von den vorherigen fünf Objekten, als da sind: genetisches Material, synthetische Eigenschaften, formbare Substanz, biologische Kulturen und Nährwerte, die den Metabolismus stimulieren. Ich glaube, dass bestimmte, auf Kautschukbasis hergestellte Gummiprodukte, gemischt mit ausgewählten Zutaten, die Anforderungen für ein künstliches Ohr erfüllen könnten.“

Sobald er sich in seinem Plan bestätigt sah, eilte er in seine Garage. Dort war sehr geschäftig, den Arbeitsprozess auszuführen.

Er entschied sich, chemisch reines Kautschuk als Basismaterial zu nehmen, und fügte sieben Milligramm von Renates Zellkulturen dazu, damit die genetische Komponente stimmte.

Einige metallische Komponenten wurden auch hinzugegeben, die das Material fest, aber nicht unflexibel und spröde machten.

Dann begann der Vulkanisierungsprozess. Das war ein wichtiger Schritt, denn während dieser Prozedur wurde ein Spray aufgebracht, welches die O.H.R. Lösung enthielt.

Mit Hilfe von Stickstoffdruck fügte er frische Samen, die aus Hildes zerknittertem Kohl-Ohr gezogen waren, hinzu in der Hoffnung, eine adäquate Mischung zu erhalten.

Anschließend musste das Rohmaterial noch mit einer Essenz aus Elkes Kräutern behandelt werden (welche sie auf ihren Fahrradtouren durch die Wälder von Unterliederbach zu sammeln pflegte).

Er schwitzte, da diese Arbeiten eine körperliche Anstrengung für ihn waren.

Als die Arbeit getan war, war Günther sehr auf sein Produkt gespannt. Vorsichtig nahm er mit einer Greifzange ein schweres Stück aus dem Säurebad. Er war irgendwie erstaunt, dass das Ergebnis genau wie die Bremsbacke eines alten Chevie aussah.

Aber war dieser schwarze und schwere Gegenstand, der eher einem Hörgerät als einer Ohrprothese glich, – war dieses übelriechende Ding ein passender Ersatz für Johns Ohr? Würde dieser es tragen können – vor Stolz strahlend?

Nein das konnte man nicht sagen! Trotz der Mühe muss man klagen: „Wir schafften es nicht in all den Tagen!“

Kapitel 8 – Tage der Verzweiflung

Am siebten Tag trafen sie sich wieder, jeder mit der schwachen Hoffnung, dass wenigstens ein Ohr entstanden war, welches für gut befunden werden könnte, ein annehmbarer Ersatz für den armen John zu sein.

Und die Jungs fragten die Mädels:“Wart ihr erfolgreich? Habt ihr mit Einsatz der Euch zur Verfügung stehenden Technik ein Ohr erschaffen, mit dem John supertoll aussieht?“

Doch zu ihrem großen Bedauern schüttelten die Mädels den Kopf und sagten traurig und mit leiser Stimme: “Nein, keine unserer Ergebnisse kann für so etwas gebraucht werden. Wir haben total versagt.“

Dann fragten die Mädels die Jungs: “Was ist mit euch? Habt ihr es geschafft, ein brauchbares Ohrobjekt zu entwickeln. Habt ihr all euer Wissen abgerufen, auf das ihr euch sonst stützt, um John seine strahlende Erscheinung wieder zu geben?“

Doch zu ihrem großen Bedauern schüttelten die Jungs den Kopf und antworteten unisono bedauernd: “Nein, keiner unserer Versuche hat die Kriterien erfüllt. Wir sind ebenso auf ganzer Linie gescheitert.“

Da sie nicht wussten, wie es weiter gehen sollte, versammelten sie sich um den Tisch und begannen zu denken und zu seufzen – Stunde um Stunde, Flasche um Flasche. Auch Herberts Hinweis bezüglich „drinking beer and smoking shit…“ war keine wirkliche Hilfe in diesem freudlosen Moment.

Die Uhr schlug die zwölfte Stunde. Mitten hinein in ihr Klagen kam die kleine Fee wieder angebraust. Sie sah in die verzweifelten Gesichter und lächelte ein wenig (fast hörte es sich an wie ein kleines Frühlingsgekicher). Dann sprach sie zu ihnen:

„Sorgt euch nicht mehr. Ich kann bestätigen, dass ihr euer bestes versucht habt. All eure Ideen waren nicht schlecht im Ansatz und ich habe bemerkt, dass euer Streben ehrlich war. Ich sage folgendes: Wo ein Wille ist – ist auch ein Weg. Ihr habt noch eine letzte Chance. Alles was ihr tun müsst ist eine Séance zu organisieren, bei der ihr euch ganz auf Johns Geist konzentrieren müsst. Ich werde persönlich zum Königreich meines Nachbarn fliegen. In dieser Residenz lebt ein mächtiger Zauberer, der euren Wunsch erfüllen könnte!“

Nachdem sie diese glücksverheißenden Worte gesprochen hatte, berührte sie Manfreds Augenbrauen sanft mit ihrem Zauberstab. Dann verschwand sie in der Luft, ein Knistern und der zarte Duft von Glühwein folgten ihr.

Kapitel 9 – Momente der Erleuchtung und Erlösung

Sofort begannen sie die Séance vorzubereiten. „Da war ein Knistern in der Luft“, sagte Renate. „Könnte das bedeuten, dass wir brennende Flammen haben sollten?“ „Es zog auch ein zarter Glühweinduft durch unsere Nasen“, erinnerte sich Hilde. „Die Fee wollte uns damit einen Hinweis geben“, spekulierte Manfred. „Die Botschaft dieser Zeichen ist ganz klar“, erwiderte Günther, „wir brauchen eine Feuerzangenbowle für die Séance!“ „Wenn es nach mir geht, werden wir wohl drei Portionen brauchen, um die nötigen ein oder zwei Ohren aufzutreiben“, wand Elke ein.

Gesagt, getan. Sie brauten einen starken und feurigen Punsch, nahmen ihr Plätze rund um den Tisch ein, füllten ihre Gläser und begannen mit der Beschwörung.

Sie murmelten spirituelle Worte, immer das Wort „Ohr“ in verschiedene Sprüche einbauend, wie zum Bespiel: „Ein neues Jahr ohne Ohr kommt bei uns nicht vor“, oder „Trau dich hervor, du liebes Ohr“. Aber bald war der erste Topf geleert und nichts geschah. Also mussten sie einen neuen mixen.

Sie entflammten den Punsch, füllten die Gläser und Renate begann den Rhythmus zu beschleunigen, indem sie schrie: „Ohr, Ohr – komm hervor!“ Herbert murmelte so etwas wie „unverhofft kommen Ohren oft“ in seinen Bart und Manfred versuchte es mit dem Spruch: „wenn wir ein Ohr bekommen, wird die Hose runter genommen.“ Doch der zweite Topf war leer und sie mussten eine dritten brauen. Sie hatten schon glasige Augen, füllten aber ihre Gläser tapfer für die dritte Runde.

Und gerade, nachdem Hilde und Elke sich die Hände gereicht hatte und sangen: „Es regnet Ohren, halleluja, es regnet Ohren!“, und als Günther seine Pfeife wieder mit frischem Tabak gestopft hatte (der aus Ohrlando kam) – genau in diesem Moment flackerte das Feuer auf und die Flammen wechselten zu orange und gelb. Ein zischendes Geräusch erfüllte die Luft und in der Mitte der Flammen erschien ein Gebilde, erst durchscheinend, aber hell strahlend auf den zweiten Blick. Es schien eine Art Kiste zu sein, die etwas Ähnliches wie Muscheln enthielt, aber sehr verschwommen wirkte.

Plötzlich zuckten sie alle unter einem mächtigen Donnerschlag, der den ganzen Raum erfüllte, zusammen. Für einen Moment gab es nicht als tiefste Finsternis.

Als sie ihre Augen wieder öffneten, sahen sie einen gigantischen, blau angezogenen Mann, der eine Kiste in seinen Händen hielt. Er war von zwei Waldelfen eingerahmt, die um ihn herum tanzten. Beide sangen: „Wir kamen von weit her, nur um euch zu erfreuen“. Dabei kicherten und glucksten sie die ganze Zeit.

Doch dann sprach der Riese zu den Mitgliedern des Friday Club: „Ich möchte mich vorstellen. Gestatten, mein Name ist Dr. H.S. Halloween. Ich wurde von meiner freundlichen Nachbarin geschickt, der kleinen Fee. Sie erzählte mir von John‘s Absinth Tragödie und von euren Versuchen, ihm dabei behilflich zu sein, das verlorene Ohr wieder zu bekommen. Also gut, hier sind sie. Ein Paar passend für den täglichen Gebrauch und ein zweites Paar für die Momente, in denen er das Gras wachsen hören möchte. Werdet glücklich damit!“

Während er diese Zauberworte sprach, grinste er verschmitzt in die Runde. Dann, unter dem gellenden Gelächter der Elfen, verschwanden alle wieder.

Die Friday Leute saßen für einige Augenblicke still. Dann umarmten sie einander und fühlten sich unwahrscheinlich erleichtert. Sie entschieden, so schnell wie möglich eine Delegation zu John zu schicken, die das neue Ohren-Set im Namen des Friday Clubs überreichen sollte.

© 2008 Friday Club

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